„…und Frauen waren auch dabei“ – Gendergerechtes Schreiben

Um es gleich vorweg zu nehmen: Manchmal geht mir dieses ganze Gender-Ding ziemlich auf den Senkel. Zum Beispiel, wenn ich Texte für eine Mitarbeiter/-innenzeitschrift verfasse, in denen es – wie der Name schon sagt – zum Großteil um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht. Die mache ich dann oft auch aus der Not heraus zu Mitarbeitenden, weil die nämlich am wenigsten Platz wegnehmen – schließlich soll ja noch Raum sein für das, was diese Menschen (egal ob nun männlich, weiblich oder einem dritten oder gar keinem Geschlecht zugehörig) gesagt oder getan haben. Und das erscheint mir oft wichtiger als das krampfhafte Kenntlichmachen einer Verschiedenheit, die ja paradoxerweise Gleichheit signalisieren soll – meine Güte, natürlich arbeiten da auch Frauen, das ist doch selbstverständlich. Lassen Sie uns doch lieber über den Firmenlauf schreiben und bitte nicht so viele Zeichen darüber verlieren, dass Läufer/-innen und Walker/-innen teilgenommen haben (also Teilnehmer/-innen da waren). Das sieht, Entschuldigung, auch einfach kacke aus – und lesefreundlich ist es auch nicht.

Ich kann die Journalistin Claudia Mäder verstehen, wenn sie in ihrem Kommentar „Lassen wir die Sprache menschlich sein“ (Neue Zürcher Zeitung, 6. November 2018) schreibt:

 

„[…] Was trägt die Ausgestaltung unserer Sprache dazu bei, die Gleichheit zwischen den Geschlechtern zu fördern oder zu torpedieren?

 

Nichts, kann man dann zuerst einmal aus einer streng linguistischen Perspektive sagen. Der Richter, der Radfahrer und der Zuhörer zum Beispiel sind keine Erscheinungen eines diskriminierenden maskulinen Systems, sie sind grammatische Formen einer weitgehend arbiträr entstandenen sprachlichen Struktur. […] Für die Zuordnung zur einen oder anderen Art (denn nichts anderes heisst Genus ja primär) sind vermutlich Kriterien der Quantifizierbarkeit ausschlaggebend gewesen – Wörter mit maskulinem Genus waren zählbar (der Baum), Feminina waren es nicht (die Freiheit). Die Endung -er sodann, die gemeinhin im Zentrum der Kritik steht, war innerhalb dieses Sprachsystems vorerst nichts anderes als eine Markierung, die ein Verb in ein Substantiv überführte, also aus einem Menschen, der zuhörte, einen menschlichen Zuhörer machte.

 

Nun existiert die Sprache nicht unabhängig von ihrem Gebrauch: Selbstverständlich denken wir bei unzähligen eigentlich generischen -er-Formen primär an Männer. Aber die Tatsache, dass uns das Wort Richter spontan an einen älteren Herrn und nicht an eine junge Frau denken lässt, können wir schlecht der Sprache anlasten – es war das in Handlungen übersetzte Denken unserer Gesellschaften, das diese sprachlich neutrale Position bis in die jüngste Zeit ausschliesslich mit Männern besetzte.“

Natürlich kann die arme Sprache auch nichts dafür, dass das mit der Gleichberechtigung nur schleppend voranging (oder: geht), und deshalb handelt es sich auch in erste Linie um ein soziologisches, nicht um ein linguistisches Problem. Klar ist aber auch: Wer Frauen nicht explizit erwähnt und sie immer nur „mitmeint“, der macht sie für die Vorstellungskraft der Lesenden unsichtbar. Sprache beeinflusst unser Denken – werden nur Männer erwähnt, hat das Konsequenzen. So zeigt eine 2015 veröffentlichte Studie, dass mehr Mädchen sich vorstellen können, einen typischen Männerberuf zu ergreifen, wenn für diesen Beruf auch die weiblichen Bezeichnungen mitgenannt werden. Umgekehrt verhält es sich genauso: Sobald die männliche Form in Bezug auf typische Frauenberufe verwendet wird, fühlen sie sich eher angesprochen – und können sich vorstellen, diesen Job selbst auszuüben.[1] Lange Rede, kurzer Sinn: Ich halte gendergerechtes Schreiben für sinnvoll. Und im Folgenden möchte ich gerne zeigen, wie ich das tue.

Sichtbarmachung

  1. Beide Bezeichnungen ausschreiben

Hier finden Sie alle in Siegen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte.

Diese Lösung finde ich persönlich besser und lesbarer, als das Ganze mit einem „/-innen“ zu verkürzen:

Alle Mitarbeiter/-innen sind herzlich zur Weihnachtsfeier eingeladen.

Die Verkürzung mit Schrägstrich und Bindestrich ist übrigens nur sinnvoll, wenn das Gesamtwort grammatisch korrekt ist. So ist zum Beispiel der Dativ Plural den Mitarbeiter/-innen ungrammatisch, da die Flexionsendung n von Mitarbeitern dabei verloren geht.

Auch das Einklammern empfinde ich als unschöne Lösung, weil auch dabei eine Hierarchie entsteht (und die weibliche Form weggeklammert wird).

Neutralisierung

Den Geschlechtsbezug kann man in vielen Fällen vermeiden:

Studierende statt Studenten und Studentinnen

Angestellte oder Mitarbeitende statt Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen

Lehrkräfte oder Kollegium statt Lehrer und Lehrerinnen

Umschreibung

Man kann es ja auch anders sagen:

Statt

Die Teilnehmer (und Teilnehmerinnen) am Seminar werden gebeten, sich noch einmal per E-Mail verbindlich anzumelden.

zum Beispiel

Für die Teilnahme am Seminar ist eine verbindliche Anmeldung per E-Mail erforderlich.

Andere Möglichkeiten

Binnenmajuskel: KollegInnen

Hier werden zwar Männer und Frauen gleichermaßen angesprochen, aber diese Variante hemmt den Lesefluss, wie ich finde – und auf den ersten Blick wirkt es oft so, als hätte sich da jemand vertippt.

Gendersternchen: Kolleg*innen

Gendergap: Kolleg_innen

Diese Varianten sind nicht als Abkürzungen der Doppelform gedacht, sondern sollen die darin enthaltene Zweigeschlechtlichkeit durchbrechen – das Sternchen und die Lücke sind also Platzhalter für weitere mögliche Geschlechter.

Übrigens: Der Rat für deutsche Rechtschreibung, der zuletzt am 16. November in Passau tagte, sieht gendergerechtes Schreiben, vor allem auch die Verwendung verschiedener Bezeichnungen des dritten Geschlechts, noch in der Erprobungsphase. „Die Erprobungsphase verschiedener Bezeichnungen des dritten Geschlechts verläuft in den Ländern des deutschen Sprachraums unterschiedlich schnell und intensiv. Sie soll nicht durch vorzeitige Empfehlungen und Festlegungen des Rats für deutsche Rechtschreibung beeinflusst werden.“

 

[1] Dries Vervecken, Bettina Hannover: Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. In: Social Psychology Nr. 46 (2015), S. 76–92.

Bildquellen

  • edf: Christina Spill